Die Gärtner und ihr Garten

Unkraut

Mit voller Wucht landet die Grabegabel in der Erde. Ein kurzes Ziehen am langen Hebel und der Wurzelstock ist draußen.
Löwenzahn, Quecke, Sauerklee, Brennnessel (ja, mit 3 N, denn es brennt jetzt noch!). Was macht Rucola im Kürbisbeet? Selbst der Portulak hat hier nichts zu suchen. Goldrute gedeiht neben Mangold. Ringelblume bei den Radieschen. Und Rasen überall.
Es gibt kein Unkraut. Aber es gibt Kraut, das an der falschen Stelle wächst.
Warum wuchern die Wege zu? Um uns zu ärgern! Lassen wir uns ärgern? Nein!!!
Die brauche doch nicht denken, dass wir den Garten verwildern lassen! Die brauchen doch nicht denken, dass wir klein beigeben! Dass wir aufgeben. Aufgeben is‘ nich‘. Aufgegeben wird nur ein Paket.
Eimer um Eimer füllt sich. Schicht um Schicht wächst der Kompost. Beet für Beet wird besser. Weg für Weg wird wieder Weg. Weg mit dem, das da nicht hingehört. Freie Wege für freie Gärtner. Freiheit für die Heckenrose, nieder mit der Ackerwinde! Freiheit. Befreit sein.

Frei sein. Beet, Weg – und Kopf.

Oder doch nach dem Motto
„Freiheit für die Beete – weg mit dem Weg!“ ?
😉

Wurzeln schlagen

Mit den bloßen Füßen im gerade umgegrabenen Beet stehen. Die feuchte Erde kühlt meine Zehen. Geerdet. Hier bleibe ich. Wachse an. Wachse.
Hier bin ich endlich angekommen.

Hier duften Lavendel und Salbei.
Hier flattern Schmetterlinge über dem Oregano und Schmetterlinge in meinem Bauch.
Hier schleppe ich Wasser und schnipple Unkraut.
Hier schneidet meine Sense das Gras und meine Schere die Blumen.
Hier ernte ich und säe. Hier reifen die Tomaten und hier reife ich.
Hier atme ich aus nach einem Tag im Büro. Hier atme ich auf.
Hier laufe ich auf verschlungenen Wegen, aber hier verlaufe ich mich nicht.
Hier helfe ich und hier wird mir geholfen. Und was ich verschenke kommt vervielfacht zurück.
Hier gibt es Abendbrot im Abendrot und Marmelade zum Frühstück.
Hier darf ich schreiben. Hier hört sogar jemand zu.
Hier könnte ich alle umarmen. (Und manche umarme ich auch.)
Hier muss ich mich nicht erklären, sondern darf einfach sein.
Hier bin ich angekommen und angenommen.
Hier. Will. Ich. Bleiben.
[iGel Juli 2015]

Einseitige Schönheit?

Der Garten hat sich schön gemacht (und Tau blitzt ihm im Haar).
Inseln aus Blüten locken Insekten: Duftmelisse, Ysop, Oregano.
Die Kapuzinerkresse wetteifert um die leuchtendsten Orangetöne mit den Ringelblumen.
Eine einsame Aster strahlt.
Der weiße Phlox treibt noch mal aus.
Majestätisch heben die Sonnenblumen ihre Köpfe.
Der Wein läuft auf die Wiese. Was er dort wohl sucht?
Die Zucchini strotzen vor Kraft.
In den Himbeeren funkelt ein Spinnennetz.
Rote Rosen ranken um den Wassertank.
Der Muskateller Salbei raschelt leise, wenn der Wind hindurch streicht.
Die Orangenminze hat sich als dunkelgrüner Teppich ausgerollt.
Die Tomaten haben sich herausgeputzt und präsentieren ihre leuchtend roten oder gelben Früchte.

Die Gärtner schneiden welke Blütenstängel, zupfen Unkraut, hacken die Wege frei, binden behutsam Büsche zusammen.
Selber tragen sie alte Hosen mit Löchern, T-Shirts, die von Sicherheitsnadeln zusammengehalten werden, rosa Basecaps. Arbeitsklamotten. Gut zum Arbeiten.
Und nach der Arbeit? Erkennen wir einander denn im Sonntagsstaat? In Rock und Bluse? Im Sakko, gar noch mit Krawatte? Mit hochgestecktem Haar? Mit Perlenkette? Mit blütenbekränztem Sonnenhut? Im Sommerkleidchen, duftig leicht und bunt wie der Garten im Juni? Im kleinen Schwarzen?

Probieren wir es aus! Ich ziehe heute das schönste meiner Kleider an.
{iGel August 2015]

Sommerabend

Die Jungs sitzen in den alten Korbstühlen und schwatzen übers Bergwandern. Über Höhenmeter und über die Aussicht von den Gipfeln. Mit nacktem Oberkörper lümmeln sie da (machen dabei gar keine schlechte Figur) und warten darauf, dass es kühler wird. Noch ist es zu heiß zum Arbeiten. Zu heiß zum Gießen. Zu heiß zum Bewegen. Also reden sie nur davon.
Ich setze mich dazu. Genieße den leichten Wind, der mir um die Schultern weht. Genieße den Sommer. An heißen Tagen sind die Abende das Schönste. Im Sommer sind die Abende die Schönsten, an denen man mit Freunden zusammensitzt. Einfach dasitzen. Den Sommer wirken lassen. Wir brauchen nicht viel, um glücklich zu sein. Einen Flecken Erde, auf dem wir sein dürfen. Den Garten, der uns seine Früchte schenkt. Den Garten, der uns Arbeit gibt. Den Garten, den keiner allein bewirtschaften kann. Den Garten, der Verbundenheit schafft, Zusammenhalt, Gemeinsamkeit, Freundschaften.
Nach und nach treffen weitere Gartengießer ein. Die Meisten kommen einfach so, obwohl sie nicht zum Gießdienst eingeteilt sind. Der Garten lockt. Das Grün kühlt. Gemeinsam tragen wir Kannen voll Wasser bis in die hintersten Ecken. Gemeinsam gießen wir, gemeinsam genießen wir. Viele Hände machen ein schnelles Ende und schon ist die Arbeit getan.

Die Jungs und Mädels sitzen in den alten Korbstühlen und schwatzen.
[iGel August 2015]

Sommer, wo bist du?

Ein Tropfen hängt an der Blattspitze. Kein Sonnenlicht spiegelt sich darin. Nur Wolkengrau. Novembertrübsal macht sich breit. November? Im August? Der lang ersehnte Regen meint es besonders gut. Gründlich weicht er alles ein. Beete, Bäume, Beerensträucher, Blumen. Pfützen verbinden sich zu kleinen Seen, in denen der Klee ertrinkt. Die Wasserfässer laufen über. Auf ihren Wasserspiegeln schlagen die Tropfen Wellenringe.

Sommer, wo bist du?

Regenhosen retten nicht vor Regen. Regenjacken kleben am Arm an. Nasse Socken quietschen in den nassen Schuhen. Schirme zeigen ihre bunte Vielfalt. Die verlassenen Elbwiesen erholen sich von den Sommergästen.

Sommer, wo bist du?

Wenn jetzt die Sonne käme, gäbe es einen Regenbogen über den ganzen Himmel. Eine Farbenpracht, wie im Marmeladenregal. Gespeicherter Sommer. Sommerdatenbank. Sommersonnensattesiebensachen. Für trübe Novembertage. (Im August?)

Kirschkonfitüre für Rot.
Aprikoooosengartenaprikosen für Orange.
Mirabellenmarmeladenmangomusmix für Gelb.
Waldmeistergelee für Grün.
Blaubeermarmelade für Indigo.
Veilchensirup für Violett.

Aber was ist blau? Blau wie der Himmel? Nur der Himmel hat dieses Blau, der Sommerhimmel, der doch gerade grau ist.
DELETE „grau“ FROM TABLE FARBE. COMMIT.
Komm mit, wir gehen den Sommer suchen.
[iGel August 2015]

Sommerregen

Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Noch einer.
Und noch einer.
Ganz viele plötzlich.

Dieses Geräusch. Aus dunkler Erinnerung kenne ich es noch. (Lange ist es her!)
Rauschen. Plätschern. Platschen. Prasseln. Flüstern. Brausen.

Tief atmen. Wind auf der Haut. Tropfen auf der Haut.
Kühl und warm.

Durch Pfützen spritzen. Ohne Schuhe. Ohne Stiefel. Kind sein für einen Moment.
Warum traue ich mich nicht auch hinauszuschreien vor Wonne.

Endlich Regen.
Sommerregen.
Zu kurz.
[iGel August 2015]

Kompost.zip

Kompostkorrektur komplett

Kritik: Kompost kunterbunt.
Kundenforderung: Kompost komprimieren, Karthäusernelkenstängel kürzen, Kapuzinierkresseknäul kleinhäckseln!
Kollektiv kommt, kramt, kürzt, kippt, kichert.
Kraut kitzelt.
Kletterpflanze kratzt.
Kompostkorbkette kumuliert kleingeschnipselten Kompost.
Konsequenz: Kompost kleiner, Kunde klücklich.
[iGel August 2015]

Bodenverdichtung – Dichtungsversuche über den Boden

Es ist heiß auf dem Boden unter dem Dach. Hier auf dem Wäscheboden hängen die Kräuterbünde unter der Decke und auf einer Decke auf dem Boden ausgebreitet liegt der Lavendel zum Trocknen. Wie ein Bodendecker. Nur ohne Erdboden. Vom Dachbodenfenster aus ist der Garten zu sehen. Auf dem Boden sitzend spielt ein Kind mit Sand und Lehm. Schwarzerde eignet sich da nicht so gut.
Die Gärtner kommen zum Hacken und Gießen, an geraden wie an ungeraden Tagen. (Nicht durcheinanderkommen!) Das Hacken lockert den Boden. Gießen ohne Hacken lässt den Boden bei Trockenheit reißen wie ein Hosenboden reißt wenn man sich bückt in einer nicht-lockeren Hose. Wenn man sich bückt, um vom nicht-lockeren, festen Weg das zu entfernen, was dort nicht hingehört. Manches davon gibt Mulch. Mulch schützt den Boden, gibt Bodenlebewesen Schutz. Manche Bodenbewohner wie die Ameisen sind wehrhaft, sie zwicken uns, wenn wir ihren Boden besetzen. Für sie ist der Boden Heimat, Wohnung, Arbeitsstätte. Sie sind wirklich bodenständig. Trotzen unserer gründlichen Bodenbearbeitung. Jedenfalls so lange, bis Grund und Boden verkauft und bebaut sind. Die Grund-Erwerbsteuer geht an die Stadt. Welche Steuer entfällt auf den Boden? Was auf den Boden fällt, verschmutzt. Was auf dem Boden auf den Boden fällt, verschmutzt auch. Vielleicht gibt es deswegen den Hängeboden. Den handelsboden gibt es in Schweden. Auch hier wird verkauft. Wer zuviel verkauft, verliert die Bodenhaftung. Wer zuviel kauft, verschuldet sich ins Bodenlose. Der kommt nie an den Bodensee, höchstens an den Bodden.
[iGel Juli 2015]

Umzug

Vor der Tür steht ein Möbelwagen. In den Zimmern stapeln sich Kisten und Körbe, Säcke und demontierte Möbel.
Langsam leert sich die Wohnung. Mit dem Besen fege ich den Staub zusammen, der sich zu Erdhaufen auftürmt. Statt auf besenreinen Fußboden starre ich in tiefe Löcher in der Erde. Aufgerissen. Ausgerissen. Ausgegraben. Pflanzenreste türmen sich auf dem, was von den verschlungenen Wegen noch erkennbar ist. Ich sammle Samen ein in Marmeladengläser, aus denen wir gerade noch gegessen haben. Immer mehr Pflanzen werden angeschleppt. Jeder bringt sie zu mir, ich ersticke fast in den Bergen aus Grün, aus Grün und Gelb und Blau und Rot. Ich schneide Blumensträuße und Kräutersträuße aus den Pflanzen, die keiner haben will. Ich häcksle Stängel klein für einen Kompost, den keiner mehr braucht. Ich arbeite mich nach unten wie ein Eimerkettenbagger im Tagebau. Tiefer und immer tiefer. Über die Tagebaukante scheint die Abendsonne, rechts vom Spitzhaus. Noch ist also Sommer. Mein zweitbester Sommer. Über zerissener Erde breite ich die Flügel aus und fliehe nach Süden. Unter mir ist die Landschaft aufgeteilt in Schrebergärten. Alle gleich groß, alle mit gleicher Laube, alle mit Pool. Die Motorpumpen dröhnen, sie holen Wasser aus großer Tiefe und speisen Regner und Goldfischteiche. Das Wasser verdunstet in der flirrenden Hitze und sammelt sich zu Wolken, Ambosswolken, Gewitterwolken, aus denen die Blitze zucken. Ein Blitz trifft den Apfelbaum, den ich gestern gepflanzt habe, kurz vor dem Weltuntergang. Der Donner lässt mich zusammenschrecken, dass ich von der schmalen Bank falle, die im Garten steht, der noch blüht und duftet und über dem die Mauersegler kreischend ihr Runden drehen.
[iGel Juli 2015]

Sommerhitze

Sommerhitze – 1

Die Sommersonne brennt. Keine Wolke am Himmel. Kein Regen in Sicht.
Endlich Sommer. Endlich Freibad.
Im Schatten lässt es sich aushalten.
Gestern noch schnell ein paar Beeren gepflückt im Garten. Der kalte Milchshake in der Thermoskanne ist lecker.
Ein paar Kinder spielen im Planschbecken, das Wasser plätschert aus der kleinen Gießkanne.
Gießen. Ja, gießen muss man bei dem Wetter. Ein paar werden schon im Garten sein.
Die Sonne wandert ein Stück. Jetzt liegen die Beine in der prallen Sonne. Entweder eincremen oder …
Ein Sprung in die kalten Fluten erfrischt.
Heute geht es erst in der kühleren Abenddämmerung nach Hause.

Sommerhitze – 2

Die Sommersonne brennt. Keine Wolke am Himmel. Kein Regen in Sicht.
Schatten gibt es hier im Garten kaum.
Das Wasser rinnt in die Gießkanne. Es dauert, bis sie voll ist.
Noch drei oder vier Mal bis zu den Zucchinipflanzen, dann ist diese Ecke fertig. Dann noch die Tomaten und die Gurken und den Kohl. Die Beerensträucher sind heute nicht mehr zu schaffen.
Walle! Walle manche Strecke, daß, zum Zwecke, Wasser fließe…
Der Zauberspruch wirkt nicht. Die schweren Kannen lassen die Schultern schmerzen und die Arme. Der Schweiß rinnt von der Stirn. Ein Königreich für eine Dusche! Oder für eine Ablösung.
Heute geht es erst spät nach Hause.
[iGel Juni 2015]

Offline

Wir brauchen Stromanschluss im Garten. Zumindest Netzanschluss! WLAN! Smartphone mit Flatrate.
Wie soll man denn nachschlagen, was das für eine Pflanze ist, wenn man keine wikipedia hat, kein google, keine Seiten vom NABU?
Woher solll ich denn wissen, wie man eine Beinwelljauche ansetzt ohne Internet?
Wann kommt die nächste Regenwolke?
Ist der Krabbelkäfer hier ein Schädling oder ein Nützling?
Warum fährt gerade kein Zug – gibt es Streik oder gab es einen Unfall?
Wie hat die Damenfußballmannschaft gespielt?
Fällt Weihnachten auf einen Donnerstag oder war es doch Freitag?
Haben schon alle auf die letzte Doogle-Umfrage geantwortet?
Habe ich neue e-Mails bekommen?
Wie komme ich jetzt und hier an das Rezept der Kekse, die ich gerade esse?
Und wie spät ist es gerade?

Zwischen Salbei und Salat sitzend bestaune ich die Vielfalt an Formen von Blättern und Blüten, das dicke Gartenbuch auf den Knien.
Bei Regen könnte ich unter’s Tomatendach flüchten. Oder unter den Rhabarber.
Im Insektenhotel checkt gerade eine Wespe ein, ohne ein Anmeldeformular auszufüllen. Ohne störenden Lärm von den Gleisen höre ich das Summen und Brummen der Sommergäste. Eine Amsel traut sich auf Kirschkernspuckweite heran.
So viel ist zu schauen, zu riechen, zu schmecken, zu fühlen, zu entdecken – dazu brauche ich jetzt und hier nicht alles Wissen der Erde.
Ich bin gerade nicht erreichbar. Offline. Versucht es später noch mal.
Die Kekse sind einfach nur lecker.
Und die Kirchturmuhr schlägt Sieben.
[iGel Juni 2015]

Rushhour im Erdbeerbeet

Es ist schon nach Neun, als ich vom Laptop aufschaue, mit dem ich an der Webseite des Gartens gebastelt habe. Die tiefstehende Sonne schiebt sich eben noch mal durch die Wolkendecke und taucht alles in ein warmes, weiches Licht. Warum nicht noch dem Garten einen Besuch abstatten? Die Versuchung ist zu groß. Ausgerüstet mit Foto und einer Schale für Erdbeeren oder andere Früchte schwinge ich mich auf mein Rad. Die Luft hängt voll von den süßen Düften der Linden. Der Regen hat die Stadtluft gewaschen. Das Tor zum Garten ist verschlossen. Keiner mehr da. Vielleicht vertrieben vom Regen. Oder von der späten Stunde. Nur die Amseln geben ihr Konzert. Im letzten Licht der Abendsonne leuchten die Blumen auf. Das Grün ist getupft von Blau und Gelb und Violett und Rosa und Weiß. So viele Erdbeeren liegen oder hängen an ihren langen Stielen. Süß, saftig, rot, reif. Erst einmal die Kamera ablegen. Dann die Schale ins Erdbeerbeet stellen. Ruckzuck sollte die gefüllt sein. An der ersten Beere labt sich eine Nacktschnecke. Zwischen den Pflanzen kriechen noch mehr umher. Und auf dem Weg. Auf den Wegen. „Eine“ Schale in „einer“ Tüte habe ich. Eine nur. Erdbeeren oder Schnecken? Wenn ich Erdbeeren sammle, bleiben die Schnecken. Wenn ich Schnecken sammle, bleiben die Erdbeeren.
Irgendwann ist es dann zu dunkel um noch Schnecken zu erkennen. Die Schale ist fast voll. Zuknoten und ab in den Müll damit. Die Erdbeeren hole ich mir morgen. Bitte hebt mir ein paar auf – ihr Gärtner und ihr Schnecken!
[iGel Juni 2015]

Der Gartenbeobachter

Die Korbstühle stehen noch in der Abendsonne. Zwei Frauen sitzen dort, räkeln sich und strecken sich. Sie pulen sich den Schmutz unter den Fingernägeln hervor. Zwischen den Resten der durch die Braunfäule geschädigten Tomaten schwatzen Mädchen bei der Arbeit über den nächsten Trödelmarkt. Eine streicht sich die langen Haare aus der Stirn.
Über dem Feuer hängt der große Kochtopf mit dem Kürbischutney. Zwei junge Männer fachsimpeln über die richtigen Zutaten und über ihre Jobs. Ab und zu rühren sie mit dem meterlangen Löffel im Topf. Auf der Bank gleich daneben sitzt einer auf einem Holzbalken und fixiert ihn so, dass ihn ein anderer in Stücke sägen kann. Am großen Tisch unter dem Dach wird Saatgut sortiert und Kürbis geschnippelt, werden Rezepte
ausgetauscht und Erfahrungen. Jemand schneidet die alten Sonnenblumen ab. Jemand hackt Holz. Aus einer Hosentasche baumeln Blumen. Jemand sucht mit einer Kamera nach den schönsten Motiven; es gibt hier viele davon. Die Hummeln summen und holen sich ihr Abendbrot aus den Cosmeablüten und den leuchtend gelben Sonnenblumen. In den Strahlen der tief stehenden Sonne schwirren Insekten. Mauersegler müsste man sein und mit offenem Schnabel durch den Garten fliegen.
Es ist ein Gewusel überall und doch Ruhe. Reden und lachen, summen und singen, knistern und rascheln sind die Geräusche des Abends. Die Herbstastern setzen lila Farbtupfer. Die Winterastern bringen erst zögerlich ihrer gelben Blüten hervor. Die langen Rispen der Duftmelisse senden ihr Aroma über den ganzen Garten. Es mischt sich mit dem Geruch des Lavendels und des Muskateller Salbeis. Der Rauch des Kochfeuers
zieht Richtung Wildnis, in der wilder Hopfen und Goldrute gedeihen.
Langsam kriecht die Kühle des Herbstabends durch die Beete. Jetzt zieht es die Gärtner zum Feuer. Bier wird aus den Rucksäcken gezaubert und heißer Tee ausgeschenkt. Die geernteten Früchte wandern in die Taschen und Körbe. Das Chutney wird in die mitgebrachten Gläser gefüllt. Jeder bekommt etwas ab, jeder nimmt etwas mit.
Das Feuer brennt herunter. Die Hütte wird verschlossen. Nach und nach werden die Fahrräder bestiegen. Die Nacht senkt sich über den Aprikosengarten.
[iGel September 2014]